Wie kann die Resilienz von Kommunen gestärkt werden? Der Schlüssel liegt in der engen Kooperation zwischen Forschung, Politik, Hilfsorganisationen und Bevölkerung.
Wigand Fleischer (Geschäftsführer IQIB), Dr. Joachim Götz (DLR), Mechthild Heil (MdB, CDU), Roman Noetzel (Geschäftsführer IQIB), David Bongart (Geschäftsführer Zukunftsverein Ahr e.V.)
IQIB
Premiere: Der erste „InnovationTalk@IQIB“ war mit einer lebendigen und inspirierenden Diskussion ein gelungener Auftakt unserer neuen, interaktiven Dialogreihe.
Wie können wir die kommunale Resilienz stärken und gemeinsam Lösungen für die Praxis entwickeln? Zum Start setzten drei spannenden Impulsvorträgen aus der Wissenschaft den Rahmen für die Diskussion mit Expertinnen und Experten aus Forschung, Verwaltung, Politik und Praxis.
Spannende Impulse aus der Wissenschaft beim „1. InnovationTalk@IQIB“
Dr. Bert Droste-Franke (IQIB): „Digitale Lösungen zur Stärkung kommunaler Resilienz“
Dr. Joachim Goetz (DLR): „Praxisnahe Lösungen für den Katastrophenschutz: RESITEK“
Dr. Benni Thiebes (DKKV): „Resilienz als nationale Aufgabe – Chancen und Herausforderungen“
Schnell wurden zentrale Handlungsfelder identifiziert:
1. Zivilgesellschaftliche Eigenvorsorge und dezentrale Strukturen stärken
Der wichtigste Baustein zur Stärkung der Resilienz ist der Aufbau krisenfester, lokaler Infrastrukturen im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz mit der gezielten Einbindung der Bevölkerung. Mechthild Heil, rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete (CDU), betonte in der Diskussion: „Gesellschaftliche Resilienz können wir nur erreichen, wenn die Verantwortlichen die Bevölkerung mitnehmen.“
Dafür plädierte auch Dr. Benni Thiebes vom Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge e.V. (DKKV). In Deutschland werde zwar viel in den Katastrophen- und Zivilschutz investiert – allerdings müsse die Katastrophenvorsorge in Fokus gerückt werden und die Bevölkerung dabei „an Bord“ genommen werden.
Einen konkreten Vorschlag lieferte Michael Schneider, CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistags Ahrweiler: „Die Bevölkerung muss in die Verantwortung genommen werden, etwa beim Betrieb mobiler Hochwasserschutzsysteme.“ Notwendig sei zudem der Aufbau dezentraler Strukturen, z.B. Dorfgemeinschaftshäuser, die eine Notfallversorgung für alle Bürgerinnen und Bürger sicherstellen.
Dr. Benni Thiebes beim InnovationTalk@IQIB
IQIB
IQIB
Roman Noetzel (Geschäftsführer IQIB) und Gisela Nouvertné (Wirtschaftsförderung Bonn) beim InnovationTalk@IQIB.
IQIB
Energiesysteme resilient gestalten: Wie reagiert das Energiesystem einer Stadt auf Stressfälle wie zum Beispiel Hitzewellen und Überschwemmungen? Mit unserem Stress-Test-Tool kann die resiliente Gestaltung zukünftiger Energiesysteme im Detail mit Akteuren analysiert werden.
IQIB
Kommunale Resilienz stärken: Mit dem Resilienz-Navigator „IRIS“ erarbeitet IQIB derzeit ein Beratungs- und Monitoring-Konzept, das den Blick für kommunale Resilienz schärft - aufbauend auf bereits bestehenden Ansätzen und Normen. In vier Phasen führt IQIB mit kommunalen Stakeholdern zunächst einen Orientierungsworkshop durch, auf den eine systematische Bestandsaufnahme folgt. Gemeinsam werden anschließend Handlungsprioritäten gesetzt und Maßnahmen zur Stärkung der kommunalen Resilienz erarbeitet sowie die Weichen zur Verstetigung gestetzt. Das Konzept wird durch ein digitales Dashboard-Tool flankiert, das das Monitoring und die weitere kommunale Arbeit unterstützt.
IQIB
Das IQIB-Resilienzrad basiert auf der Deutschen Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen. Mit einem Gamification-Ansatz übersetzt es komplexe Sicherheitsstrukturen. Als interaktiver Transfer-Motor verbindet es wissenschaftliche Theorie direkt mit operativen Maßnahmen. Ein daran gekoppeltes Szenario-Quiz zu IQIB-Projekten wie RESITEK oder WiETrans gibt Einblick in IQIB-Lösungen.
IQIB
Ein „virtuelles Kraftwerk“ live erleben: An der Modellstadt „SmartEnergyCity“ können Besucherinnen und Besucher ihr Geschick als Energiemanager testen und die Versorgung mit erneuerbaren Energien gestalten. Zur Auswahl stehen Energie-Erzeuger (Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen) sowie Speicherlösungen und Verbraucher: E-Autos, Gebäude und Industrie.
IQIB
2. Wissenschaft und Praxis vernetzen – Wissenstransfer im Fokus
Dr. Bert Droste-Franke, Leiter des Themenfelds „Systemevaluation und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit“ am IQIB, stellte Resilienz als ein vielfältiges theoretisches Konzept vor, das für die konkrete Anwendung spezifisch zugeschnitten werden muss. Um Resilienz in der kommunalen Praxis umzusetzen, werden verschiedene fachliche Disziplinen und Experten aus der Praxis benötigt. Dr. Bert Droste-Franke zeigte Lösungen des IQIB zur Stärkung kommunaler Resilienz, die im Anschluss an die Diskussionsrunde an verschiedenen Stationen multimedial erlebt werden konnten.
Dr. Joachim Göetz vom Institut für Flugsystemtechnik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) stellte das Projekt „Resiliente Technologien für den Katastrophenschutz“ (RESITEK) vor. Der Austausch mit der Bevölkerung vor Ort sei wichtig, um die Probleme zu verstehen und herauszufinden, inwieweit Technologien eine Lösung darstellen könnten, betonte der Projektleiter. In dem Projekt RESITEK bündeln 16 DLR-Instituten aus den Bereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit ihre Expertise, um den Zivil- und Katastrophenschutz zu verbessern.
Für Juni 2026 ist eine große Live-Demonstration im Ahrtal geplant, bei der innovative Technologien für ein realitätsnahes Hochwasserszenario präsentiert werden sollen. Das DLR wird zeigen, wie Informationen aus Satelliten und Drohnen, der Überwachung kritischer Infrastrukturen sowie bodengestützte oder robotische Erkundung zu einem umfassenden Lagebild zusammengeführt werden können. Als Praxispartner sind der Landkreis Ahrweiler, das Bayerischen Roten Kreuzes und IQIB eingebunden.
Um den direkten Austausch zwischen Forschung und Katastrophenschutz zu fördern, leitet IQIB gemeinsam mit Daniel Gronwald, Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW) in Sinzig, das regionale Katastrophenschutznetzwerk H-Kat-Net. Gronwald stellte die Arbeit des Netzwerks vor und betonte die Wichtigkeit des direkten Austauschs, um die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen.
Eine wichtige Rolle bei der Beteiligung der Bevölkerung spielt im Kreis Ahrweiler der „Zukunftsregion Ahr e.V.“. Mit partizipativen Projekten werden Bürgerinnen und Bürger aktiv in die Gestaltung der Region mit einbezogen, erklärte David Bongart, Geschäftsführer des Vereins. „Resilienz kann man lernen“, betont Bongart. Viele Menschen aus der Generation, die sowohl Covid-19 als auch die Flutkatastrophe im Ahrtal miterlebt hat, haben dadurch eine enorme Widerstandskraft entwickelt. „Wir überlegen, wie wir dieses Wissen weitergeben können. Wie können Betroffene, die sich dazu bereit und stark genug fühlen, zu Multiplikatoren werden und anderen Leuten dabei helfen, ihre Resilienz zu stärken?“, sagt Bongart.
3. Resilienz in der Bildung vermitteln
Resilienz sei eine wesentliche Kompetenz für die Bildung und müsse von Beginn an entwickelt und gefördert werden, betonte Susanne Müller, rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete (SPD). Dazu gehörten vor allem eine stärkere sozial-emotionale Förderung, außerschulische Lernorte, Katastrophenschutzübungen sowie Programme zur Resilienzförderung, Trainings zu Stressbewältigung erfahrungsbasierte Projektarbeit uvm. von der Kita an. „Die Schülerinnen und Schüler hier in der Region haben die Flutkatastrophe im Juli 2021 mit ihren Auswirkungen direkt mitbekommen. Das Wissen, das man in der Schule erlangt, hilft nur bedingt bei der Bewältigung von Katastrophen dieser Art“, blickt Müller zurück. „Wer Katastrophenvorsorge ernst nimmt, muss die Bevölkerung mitnehmen: in Schulen, im Alltag, in der Eigenverantwortung,” betonte Müller.
Michael Schäfer, Abteilungsleiter der Kreisverwaltung Ahrweiler, skizzierte die laufenden Planungen für das IRRC als Citizen Science Center. Das Resilienzzentrum solle Forschung in einem Wissenschafts-Hub bündeln und gleichzeitig durch Events und Gamefication die Bevölkerung für das Thema Katastrophenschutz sensibilisieren. Es sei wichtig, in Prävention zu investieren – allerdings sei weiterhin offen, wie das Projekt finanziert werden könne. Ein bereits Anfang 2025 geschlossenes Memorandum of Understanding (MoU) zwischen dem Landkreis Ahrweiler, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und dem IQIB untermauere die strategische Relevanz dieses Vorhabens, sagte Schäfer.
Wie geht es weiter?
„Krisenfeste Gesellschaften entstehen, wenn Wissen, Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit frühzeitig integriert werden. Der erste „InnovationTalk@IQIB“ hat bewiesen, dass der interdisziplinäre Dialog mit Akteuren aus Wissenschaft und Praxis das Fundament für diese Transformation bildet“, zieht Roman Noetzel, Geschäftsführer am IQIB, ein Fazit der Veranstaltung.
Der nächste „InnovationTalk@IQIB“ findet am 18. November zum Thema „Künstliche Intelligenz“ statt.